Der Stechapfel (Datura stramonium): Dieser Apfel könnte dein letzter sein!
Aktualisiert: 31. Aug.
Der Gemeine Stechapfel ist ein besonders giftiges Nachtschattengewächs aus der Neuen Welt. Der Genuss seiner Früchte führt ähnlich wie im Märchen zu schneewittchenartigen Effekten – das Happy End bleibt hierbei allerdings meist aus.

Geschichte und Herkunft des Stechapfels
Der Gemeine oder Weiße Stechapfel (Datura stramonium) stammt ursprünglich aus subtropischen Teilen der Neuen Welt, genauer gesagt aus Mittelamerika.
Im späten 16. Jahrhundert ist die Art mit dem Menschen nach Mitteleuropa gekommen [1].
Eine europäische Abbildung des Stechapfels findet sich in Jacobus Theodorus’ berühmtem Kräuterbuch. Dort heißt es, die Pflanze sei aus „orientalischen Landen“ nach Europa gekommen; genannt werden im weiteren Verlauf aber auch unterschiedliche Namen der Pflanze mit einem Bezug zu Peru – Hiosciamus peruvianus oder Hyoscyamus de Peru [2].


Die historische, heute abzulehnende, Bezeichnung als Zigeunerapfel belegt die ursprüngliche Annahme, der Stechapfel sei mit Sinti und Roma nach Europa gelangt und von diesen als Zauberpflanze genutzt worden [3,4].
Auch wenn über die Herkunft des Gemeinen Stechapfels in der Vergangenheit vielfach diskutiert und teils über einen Ursprung in der Alten Welt spekuliert wurde, geben aktuelle Quellen Mexiko als Heimat an [5, 6]. Inzwischen ist der Stechapfel ein Kosmopolit, also nahezu weltweit verbreitet.
Weit verbreitet ist die Art auch auf den Kanarischen Inseln, dort u. a. hierba del diablo („Kraut des Teufels“) genannt. Gerade hier ist ein so häufiges Vorkommen des Stechapfels nicht verwunderlich, spielten die Kanarischen Inseln doch lange Zeit eine wichtige Rolle als Zwischenstopp auf der Handelsroute zwischen Alter und Neuer Welt. Inzwischen machen Neophyten aus den Tropen der Neuen Welt (Neotropis) einen großen Anteil nichtheimischer Pflanzenarten auf den Inseln aus [7].
Wie erkenne ich den Stechapfel?
Der Stechapfel ist eine bis über einen Meter hochwachsende einjährige Krautpflanze mit ausladendem strauchförmigem Wuchs und unregelmäßig buchtig gezähnten Blättern. Die Kronblätter sind miteinander verwachsen, so wie es für viele Nachtschattengewächse (Solanaceae) üblich ist, und bilden trompetenförmige Blüten, welche sich erst nachts öffnen und mit ihrem Duft hauptsächlich Nachtfalter zur Bestäubung verführen. Die Blüten sind meist weiß gefärbt; bei der Varietät tatula sind Stängel und Blüten blauviolett [6, 8].


Die eiförmigen Früchte, die Stechäpfel, sind gleichmäßig mit langen Stacheln besetzt – daher der Name. Die sich bei Reife öffnende Kapsel enthält eine Vielzahl schwarzer Samen mit netzartiger Oberfläche. Im Volksmund nannte man diese früher Tollkörner, in Anspielung auf ihre psychoaktiven, also toll bzw. verrückt (vgl. Tollkirsche, Atropa belladonna) machenden Inhaltsstoffe [3].
»Der Stechapfel nimmt in Mitteleuropa vielerorts stark zu«
Die Art bevorzugt nährstoffreiche sandige und steinige Flächen, wächst auf Hackfruchtäckern – beispielsweise Mais- oder Kartoffelkulturen – oder Brachflächen. Hin und wieder verirrt sich der Stechapfel auch als seltene Zierpflanze in manchen Garten.
Der Stechapfel nimmt in Mitteleuropa vielerorts stark zu. Verantwortlich ist hierfür wahrscheinlich unter anderem der fortschreitende Klimawandel mit seinen höheren Temperaturen, milderen Wintern und längeren Vegetationsperioden.
Auf genannten Kulturflächen ist der Stechapfel schon länger als ertragsminderndes Unkraut bekannt [9]. Der Wärmekeimer ist besonders in sommereinjährigen Kulturen (u. a. Mais, Sonnenblume, Kartoffel) ein Problem [10].
Verwechslung des Stechapfels mit anderen Pflanzenarten
Ohne Blüten besteht Verwechslungsgefahr mit dem heimischen und ungiftigen Stechapfelblättrigen Gänsefuß (Chenopodiastrum hybridum), der, wie sein Name es bereits vermuten lässt, dem Stechapfel ähnlich sehende Blätter trägt. Diese sind buchtig gezähnt und im vorderen Teil lang zugespitzt. Blühend lassen sich die beiden Arten allerdings auch mit ungeübtem Blick leicht unterscheiden. Die Blütenstände des Gänsefußes sind stark verzweigt, mit vielen kleinen und unscheinbaren weißlich-grünen Blüten.
Den Gänsefuß findet man ebenfalls auf Hackfruchtäckern oder an anderen sehr nährstoffreichen Orten wie beispielsweise Misthaufen [6].


Selten verwildern weitere als Zierpflanzen kultivierte Datura-Arten. Der Dornige Stechapfel (Datura ferox) weist im Vergleich zur Größe der Samenkapsel deutlich längere Stacheln auf. Beim Indischen Stechapfel (Datura metel) ist die Unterscheidung anhand der Früchte noch leichter – hier tragen diese anstatt langer Stacheln lediglich Höcker. Eine recht häufige Zierpflanze stellt der Feinstachlige Stechapfel (Datura innoxia) dar. Neben den zur Reifezeit überhängenden Früchten, welche eine Vielzahl kurzer Stacheln tragen, sind es besonders die Blätter, die eine einfache Unterscheidung ermöglichen. Diese sind samtig behaart, dunkel blaugrün und ganzrandig [6].
Eine dank ihrer spektakulären Trichterblüten eventuell mit dem Stechapfel zu verwechselnde und besonders beliebte Zierpflanze ist die im Deutschen so wohlklingende Engelstrompete (Brugmansia spp.). Sie lässt sich bei uns allerdings nicht verwildert außerhalb von Gärten und Balkonen finden, da sie ein mehrjähriges nicht frosthartes Gehölz ist, das vor allem in Topfkultur gehalten wird.
Die nahe Verwandtschaft zum Stechapfel zeigt sich bei ihr nicht nur in der Form ihrer geschätzten Blütenpracht, sondern auch auf molekularer Ebene, enthält das Nachtschattengewächs doch ebenfalls das hochgiftige Tropanalkaloid Scopolamin.


Wie giftig ist der Stechapfel?
Der Gemeine Stechapfel ist in allen Teilen extrem giftig. Auch wenn die Wirkstoffe des Stechapfels eine psychoaktive Wirkung haben, ist vom Versuch, die Art als Rauschmittel zu nutzen, dringend abzuraten. In der Vergangenheit ist es immer wieder zu teils tödlichen verlaufenden Vergiftungen gekommen.
In westlichen Medien oft als Devil‘s Breath bezeichnet und auch unter seinem spanischen Namen Burundanga bekannt, ist das Scopolamin besonders im lateinamerikanischen Raum für die Verwendung als Betäubungsmittel bei Raubüberfällen berüchtigt [11].
»Zuständen von Verwirrtheit und Halluzinationen über Übelkeit und Erbrechen bis hin zum Tod«
Die hochgiftigen und psychoaktiven Tropanalkaloide Hyoscyamin und Scopolamin sorgen je nach Dosis zu Zuständen von Verwirrtheit und Halluzinationen über Übelkeit und Erbrechen bis hin zum Tod. Die psychoaktive Wirkung kann mitunter mehrere Tage anhalten.
Eine anschauliche Beschreibung einer Stechapfelvergiftung findet sich auch im YouTube-Format Shore, Stein, Papier. Andre Welter alias $ick berichtet in der Folge Der Stechapfelbusch [12] von dem Konsum und seinen Folgen für die Insassen einer deutschen Justizvollzugsanstalt.
In verschiedenen Kulturen Mittelamerikas hat die rituelle Nutzung von Stechapfelarten (v. a. Datura innoxia) eine lange Tradition [4]. Auch aus Europa wird die Verwendung für Hexensalben und Liebestränke genannt [13].
Der Stechapfel als historische Heilpflanze
In der dritten Auflage seines Neuen illustrierten Kräuterbuches von 1935 beschreibt der deutsche Botaniker Heinrich Marzell die Nutzung der Pflanze für Asthmazigaretten, weist aber darauf hin, dass sich diese Pflanze nur zur Anwendung nach Rücksprache mit einem Arzt eignet [3].
»Räuchermittel bei Bronchitis und Krampfhusten«
Bis Ende des 20. Jahrhunderts wurde das Asthma- oder Rauchapfelkraut als Räuchermittel bei Bronchitis und Krampfhusten genutzt [14]. Immer wieder kam es hierbei auch zu starken Vergiftungen.
In dem erfolgreichen deutschen Spielfilm Sonnenallee (1999) trinken die im Osten Berlins (DDR) lebenden Jugendlichen das mit Cola gemischte Asthmakraut Halle, ein pharmazeutisches Inhalationsmittel aus Stechapfel, Schachtelhalm und Tollkirsche. Die Effekte einer Stechapfelvergiftung werden hier besonders plastisch dargestellt [15].
Fazit
Der Blick verschiedener Kulturen auf dasselbe Objekt kann sehr unterschiedliche Wege gehen. Für die einen wichtige Zauber- und Heilpflanze. Für die anderen erst geschätztes Heilmittel, manchmal Zierde, aber auch gefährliche Giftpflanze und Unkraut sowie problematischer Neophyt. Ein Blick im stetigen Wandel über die Jahrhunderte.
Das Problem hierbei ist nicht ein fremder Organismus, sondern menschliches Denken und Handeln. Ein unbeholfener Versuch die belebte Natur in Schubladen zu sortieren. Die scheinbar einfache Dualität zwischen gut und schlecht wird der Vielschichtigkeit der Natur aber nie gerecht.
Quellen:
[1] Griebl, N. (2020). Kosmos Naturführer Neophyten. Alle Arten im deutschsprachigen Raum. – Franckh-Kosmos, Stuttgart, S. 429.
[2] Theodorus, J. [Tabernaemontanus] (1731). Neu vollkommen Kräuter-Buch. Darinnen über 3000 Kräuter, mit schönen und künstlichen Figuren, auch deren Underscheid und Würckung, samt ihren Namen in mancherley Sprachen beschrieben. Bearbeitet von C. Bauhin und H. Bauhin. Erstausgabe 1588/1591. – Johann Ludwig König, Offenbach am Main (gedruckt zu Basel), S. 978.
[3] Marzell, H. (1935). Neues illustriertes Kräuterbuch. Eine Anleitung zur Pflanzenkenntnis unter besonderer Berücksichtigung der in der Heilkunde, im Haushalt und in der Industrie verwendeten Pflanzen sowie ihrer Volksnamen. 3., verbesserte Auflage. – Enßlin & Laiblins Verlagsbuchhandlung, Reutlingen, S. 328 f.
[4] Rätsch, C. (2016). Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Botanik, Ethnopharmakologie und Anwendungen. 13. Auflage. – AT Verlag, Aarau, S. 208 f., 210 f.
[5] POWO (2026). Datura stramonium L. Plants of the World Online. Royal Botanic Gardens, Kew. https://powo.science.kew.org/taxon/urn:lsid:ipni.org:names:314738-2. Abgerufen am 13.08.2026.
[6] Hassler, M. & Muer, T. (2022). Flora Germanica. – Verlag Regionalkultur, Ubstadt-Weiher, S. 1055, 1295 f.
[7] Morente-López, J., Arjona, Y., Salas-Pascual, M., Reyes-Betancort, J. A., del Arco-Aguilar, M. J., Emerson, B. C., García-Gallo, A., Jay-García, L. S., Naranjo-Cigala, A. & Patiño, J. (2023). Biogeographic origins and drivers of alien plant invasions in the Canary Islands. – Journal of Biogeography 50 (3), 576–590.
[8] Müller, F., Ritz, C. M., Welk, E. & Wesche, K. (Hrsg.) (2021). Rothmaler – Exkursionsflora von Deutschland. Gefäßpflanzen: Grundband. 22. Auflage. – Springer Spektrum, Berlin, S. 676.
[9] Rabitsch, W. & Essl, F. (Hrsg.) (2010). Aliens. Neobiota und Klimawandel – Eine verhängnisvolle Affäre? Katalog des Landesmuseums Niederösterreich, Neue Folge Nr. 485. – Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra, S. 53.
[10] AGES (o. J.). Gemeiner Stechapfel. Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit, Wien. https://www.ages.at/pflanze/pflanzengesundheit/schaderreger-von-a-bis-z/gemeiner-stechapfel. Abgerufen am 13.08.2026.
[11] VICE (2012). Colombian Devil's Breath. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=ToQ8PWYnu04. Abgerufen am 13.08.2026.
[12] $ick (2016). Der Stechapfelbusch. Shore, Stein, Papier – Unreleased #1. zqnce. https://www.youtube.com/watch?v=7FVwbLutj40. Abgerufen am 13.08.2026.
[13] Düll, R. & Kutzelnigg, H. (1992). Botanisch-ökologisches Exkursionstaschenbuch. Das Wichtigste zur Biologie bekannter heimischer Pflanzen. 4., überarbeitete und erweiterte Auflage. – Quelle & Meyer, Heidelberg, Wiesbaden, S. 155.
[14] Gschneidner, M., Itschert, M. & Johne, M. (1993). Führer durch die Heil- und Giftpflanzen-Abteilung. Schriftenreihe Botanischer Garten der Universität Ulm, Heft 1. – Universitätsverlag Ulm, Ulm, S. 54.
[15] Kreiss, C. (2014). Gegen Asthma und Wurmleiden. – Pharmazeutische Zeitung, Ausgabe 49/2014. https://www.pharmazeutische-zeitung.de/ausgabe-492014/gegen-asthma-und-wurmleiden/. Abgerufen am 13.08.2026.




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