Wunderbaum und Biowaffe – eine Pflanze mit vielen Gesichtern
- Lukas Janke

- 15. Juli
- 5 Min. Lesezeit

Der Wunderbaum (Ricinus communis), manchmal auch Christuspalme (lat. palma christi) genannt, ist eine der ältesten Kulturpflanzen des Menschen und seit der Antike in weiten Teilen der alten Welt bekannt. Sie liefert nicht nur eines der stärksten Gifte überhaupt, sondern ist vor allem wertvolle Arznei- und Nutzpflanze. Inzwischen ist die Pflanze mit dem Menschen in viele Teile der Welt gekommen und gilt in den Tropen als invasiver Neophyt. Wenige Pflanzen vereinen Schönheit, tödliche Gefahr und Nutzen so spektakulär wie der Wunderbaum.
Wie der wissenschaftliche Name es schon andeutet (lat. communis = „gewöhnlich“) ist die Pflanze durch den Menschen in weite Teile der Welt gelangt und für viele Kulturen ein gewohnter Anblick. Ursprünglich stammt der Wunderbaum wahrscheinlich aus Ost-Afrika, wobei die genaue Herkunft durch die Jahrtausende lange Nutzung nicht eindeutig geklärt werden kann [1].
Bereits in seinem Mitte des 15. Jahrhunderts erschienen Buch der Natur erwähnt Konrad von Megenberg den Arbor mirabilis [2]. Auch Hieronymus Bock – einer der Urväter der Botanik – beschreibt den Wunderbaum in seinem berühmten Werk New Kreütter Buch von 1539 und bestätigt die Nutzung als Zier- und Heilpflanze [3].


In seiner Heimat und in anderen tropischen Teilen der Welt wächst Rizinus als bis zu zehn Meter hoher Baum oder Strauch. In Europa, wo der einsetzende Frost die Art zum Absterben bringt, erreicht sie Höhen bis zu drei Metern und bleibt strauchförmig. Im Gegensatz zu anderen Vertretern der Wolfsmilchgewächse (Euphorbiaceae) hat die Pflanze keinen Milchsaft. Ricinus ist eine monotypische Pflanzengattung – es gibt weltweit nur eine einzige Art – und ist daher evolutionär von anderen Wolfsmilchgewächsen getrennt.
Der Wunderbaum ist eine einhäusige Pflanze – weibliche und männliche Blüten kommen auf demselben Individuum vor. Im oberen Teil des Blütenstands stehen die weiblichen Blüten mit leuchtend roten Stempeln. Darunter reihen sich männliche Blüten mit ihren gelben Staubbeuteln.

Die Früchte ähneln mit ihren Stacheln etwas denen der Rosskastanie, sind allerdings kleiner, nicht stechend und verfärben sich bei Reife rot [4]. Die Kapselfrüchte enthalten drei große bohnenförmige Samen (vgl. engl. castor bean). Den marmorierten Samen verdankt die Gattung auch ihren wissenschaftlichen Namen (lat. ricinus = „Laus, Holzbock“), da sie auf den ersten Blick an vollgesogene Zecken erinnern. Der Wunderbaum teilt daher auch seinen Namen mit der bei uns häufigsten Zeckenart, dem Gemeinen Holzbock (Ixodes ricinus). Nicht ganz klar ist, ob die Pflanze der Zecke den Namen gab oder anders herum [5].

Die sehr großen und markanten Blätter sind tief handförmig gespalten mit stumpf gesägtem Rand. Manchmal findet sich daher auch der Name Manus Christi in Bezug auf die durch Handauflegen erbrachten Heilungen durch Jesus. Auch der Name Christuspalme bezieht sich hier wohl eher auf die Handfläche (lat. palma) als auf den Vergleich des Wunderbaums mit Palmengewächsen (Arecaceae).
In Mitteleuropa wird der Wunderbaum zurzeit klimabedingt häufiger und zunehmend winterhart [4]. Verwildert kommt er vor allem an sehr nährstoffreichen Stellen und auf Brachflächen vor. Im 20. Jahrhundert wurden viele Funde in der Nähe von Ölmühlen und Häfen verzeichnet, was auf die wirtschaftliche Nutzung der Art in jüngerer Vergangenheit auch in Europa verweist. Als Zierpflanze ist die Art in Gärten und städtischen Blumenrabatten zu finden [6]. Besonders gerne werden hier rotlaubige Sorten (z.B. Carmencita) gepflanzt [7].

Der Wunderbaum ist eine sehr alte Kulturpflanze und wird schon seit tausenden von Jahren in Ägypten und Indien medizinisch genutzt. Selbst in einem der ältesten medizinischen Texte, dem ägyptischen Ebers papyrus aus dem 16. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, ist ein Abschnitt der Nutzung des Wunderbaums gewidmet.
Auch in Werken des griechischen Arztes Dioskurides aus dem ersten Jahrhundert lassen sich bereits Anwendungen des Wunderbaumes finden [8]. Das ungiftige Rizinusöl (engl. castor oil) wirkt als effektives Abführmittel.
Rizinusöl ist neben dem medizinischen Einsatz besonders als Ausgangsstoff für Schmiermittel für Motoren und Bestandteil von Treibstoffmischungen ein begehrter Rohstoff. Einer der größten Produzenten für Rizinusöl ist Indien [9].
Die stark abführende Wirkung des Rizinusöls führte in der Vergangenheit leider auch immer wieder zu schrecklichem Missbrauch. Besonders die Milizionäre der Schwarzhemdenbewegung (ital. camicie nere) zu Zeiten des italienischen Faschismus sollen unter Italo Balbo mit Rizinusöl gefoltert haben. Opfer wurden dabei unter Knüppelschlägen zum Trinken großer Mengen Rizinusöls gezwungen, was zu starkem Wasserverlust und in Verbindung mit offenen Wunden zu Infektionen bis hin zum Tod führen konnte [10].

Das in den Samen des Wunderbaums enthaltene Rizin ist ein hochgiftiges Lektin – eine Eiweißverbindung – welches geschmack- und geruchlos ist und im menschlichen Körper in wenigen Tagen zum Tod führen kann (Multiorganversagen). Rizin macht etwa 1–5 Prozent des Proteingehaltes der Samen aus. Als letale Dosis gilt bei Erwachsenen eine Rizinmenge von 10–20 Samen. Bei Kindern sind es 5–6 [11]. Gegen das Rizin des Wunderbaums ist bisher kein Gegengift bekannt.
Breitere Bekanntheit erlangte Rizin nach dem sogenannten Regenschirmattentat auf den bulgarischen Dissidenten Georgi Markow in London im Jahr 1978, wobei vermutlich ein Mitglied des bulgarischen Geheimdienstes mit dem spitzen Ende eines präparierten Regenschirmes eine kleine, Rizin gefüllte Metallkugel in das Bein des Opfers injizierte. Wenige Tage danach verstarb der Schriftsteller an den Folgen der Vergiftung.

Spätestens seine prominente Rolle in der Serie Breaking Bad, in der der Hauptcharakter und Chemiker Walther White alias Heisenberg das Rizin aus Samen des Wunderbaums (engl. castor bean) extrahiert und damit einen Giftmord begeht, hat die Pflanze bei einer breiten Masse von Menschen bekannt gemacht.
Es gibt bis heute viele Fälle vereitelter Versuche Rizin als Mittel für Mord- und bioterroristische Anschläge zu verwenden. Im Jahr 2020 wurde unter anderem ein an den amtierenden Präsidenten Donald J. Trump adressierter und mit Rizin vergifteter Brief abgefangen.
Auch im großen Maßstab wurde an der Verwendung von Rizin als Kampfstoff geforscht. Die USA und Kanada arbeiteten an Rizin-Biowaffen im ersten und zweiten Weltkrieg, verwarfen diese allerdings, da sich bessere Alternativen finden ließen (u. a. Sarin).
Rizin fällt unter die 1972 erstmals verabschiedete Biologie- und Toxinwaffenkonvention (engl. Biological and Toxin Weapons Convention), die mit Ausnahme weniger Staaten von allen Ländern der Welt unterzeichnet worden ist.
Der Wunderbaum ist eine schöne und gefährliche Pflanze mit unglaublich langer Geschichte von Ge- und Missbrauch. Ein gutes Beispiel für die Janusgesichtigkeit vieler wertvoller Heil- und Nutzpflanzen, wo Segen und Fluch so nahe beieinander liegen können. Viele Pflanzen tragen diese scheinbaren Widersprüche in sich. Sie können schaden und nutzen, den Blick erfreuen genauso wie Schrecken verbreiten.
[1] POWO (2026). Ricinus communis L. Plants of the World Online. Facilitated by the Royal Botanic Gardens, Kew. – https://powo.science.kew.org/taxon/urn:lsid:ipni.org:names:355498-1. Abgerufen am 13.07.2026.
[2] Megenberg, K. von (um 1442–1448). Das Buch der Natur [Handschrift]. – Werkstatt Diebold Lauber, Hagenau. Cod. Pal. germ. 300, Universitätsbibliothek Heidelberg. https://doi.org/10.11588/diglit.2205#0021. Abgerufen am 15.07.2026.
[3] Bock, H. (1539). New Kreütter Buch: von Underscheydt, Würckung und Namen der Kreütter so in teütschen Landen wachsen; auch der selbigen eygentlichem und wolgegründtem Gebrauch in der Artznei, zu behalten und zu fürdern Leibs Gesuntheyt fast nutz und tröstlichen, vorab gemeynem Verstand. – Wendel Rihel, Straßburg, [S. 190].
[4] Hassler, M. & Muer, T. (2022). Flora Germanica: Alle Farn- und Blütenpflanzen Deutschlands in Text und Bild (Bd. 1–2). – Verlag Regionalkultur, Ubstadt-Weiher, S. 603.
[5] Buch, C. (2019). Ricinus communis – Rizinus, Wunderbaum (Euphorbiaceae), Giftpflanze des Jahres 2018. – Jahrb. Bochumer Bot. Ver. 10: 217–223.
[6] Griebl, N. (2020). Kosmos Naturführer – Neophyten. Alle Arten im deutschsprachigen Raum. – Franckh-Kosmos, Stuttgart, S. 210.
[7] Cheers, G. (Hrsg.) (1998). Botanica. Das ABC der Pflanzen. 10.000 Arten in Text und Bild. – Könemann Verlagsgesellschaft, Köln, S. 769.
[8] Gschneidner, M., Itschert, M. & Johne, M. (1993). Führer durch die Heil- und Giftpflanzen-Abteilung. Schriftenreihe Botanischer Garten der Universität Ulm, Heft 1. – Universitätsverlag Ulm GmbH, Ulm, S. 63.
[9] Verband Botanischer Gärten e.V. (Hrsg.) (2021). Neue Wilde. Globalisierung in der Pflanzenwelt. – Verband Botanischer Gärten e.V., Osnabrück, S. 73.
[10] N. N. (1940). Marshal Balbo. – The New York Times, 01.07.1940. Abgerufen am 13.07.2026.
[11] DocCheck Flexikon (2026). Rizin. – https://flexikon.doccheck.com/de/Rizin. Abgerufen am 13.07.2026.



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