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Neophyten – Information, Prävention & Management

Pfahlrohr (Arundo donax): Das größte Gras Europas

7. Okt.
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 23. Okt.

Das Pfahlrohr bietet durch seinen Namen und die außergewöhnliche Größe seiner Halme nicht nur hervorragende Möglichkeiten für spätpubertäre Wortspiele, sondern wartet auch mit einer unglaublich langen – bis in die Antike zurückreichenden – Geschichte der kulturellen Nutzung auf. Während es in Mitteleuropa noch ein seltener Gast ist, breitet sich das Pfahlrohr in den USA und anderen Teilen der Welt bereits als invasiver Neophyt aus.

großer Bestand des Pfahlrohrs (Arundo donax) an einem Zaun nahe der Autobahn in Italien

Herkunft und Geschichte des Pfahlrohrs

Italienisches oder Spanisches Rohr, Pfahlrohr oder Riesenschilf: So heißt das größte Gras Europas.

Schon die Römer unterschieden zwischen Parva canna (Schilf, Phragmites australis), Harundo indica („Bambus”) und dem Pfahlrohr [1]. Der wissenschaftliche Artname leitet sich direkt vom griechischen dónax ab und bezeichnet rohr-/schilfartige Gräser und die daraus gefertigten Produkte [1].


Ursprünglich stammt das Pfahlrohr aus Asien und kommt dort vom Westen bis in den temperaten Osten vor. Es wurde wohl bereits in der Antike in das östliche Mittelmeergebiet gebracht und hat sich von dort aus in allen mediterranen Ländern Südeuropas und Nordafrikas angesiedelt.

Hier zählt die Art aufgrund ihrer frühen Einbringung zu den Archäophyten (Alteingewanderte: Einführung vor 1492) [2]. In Mitteleuropa hingegen zählt man die nicht fest etablierte, sondern nur unbeständig auftretende Art als Neophyten.


Die Bezeichnung als Italienisches oder Spanisches Rohr deutet ihre weite Verbreitung in Südeuropa bereits an. Dort ist das Pfahlrohr sehr häufig und ein omnipräsenter Begleiter der Autobahnen. Dem geneigten Urlauber springen auf italienischen Autobahnen vom Rande her die großen und dichten Bestände dieses Grases besonders ins Auge.


Die Halme des Pfahlrohrs (Arundo donax) erinnern an Schilf oder Bambus
Die Halme des Pfahlrohrs (Arundo donax) erinnern an Schilf oder "Bambus"

Wie erkenne ich das Pfahlrohr?

Das Pfahlrohr gehört zur großen Familie der Süßgräser (Poaceae), zu denen auch einige der wichtigsten Kulturpflanzen des Menschen (u. a. Mais, Reis und Weizen) zählen.


Das ausdauernde Gras pflanzt sich besonders effektiv vegetativ fort (Rhizome: Sprossausläufer). Es ist das größte Gras Europas [3] und erinnert an das heimische Schilf oder „Bambus“, eine vielfältige Gruppe großer verholzender Gräser.

Viele davon stammen aus Asien (z. B.  Goldbambus, Phyllostachys aurea: Zierpflanze aus Ostasien).


Die Halme des Pfahlrohrs erreichen Höhen von zwei bis sechs Metern mit bis zu sechzig Zentimeter langen Blütenrispen an der Spitze. Die Blätter sind blaugrün und besitzen am Grund große, den Halm umfassende Öhrchen [4].


Das Pfahlrohr bildet, wie auch das Schilf, dichte Röhrichte und wächst bevorzugt an feuchten Standorten wie Gräben und Flussufern [3].


grünes Laubblatt des Pfahlrohrs (Arundo donax) mit deutlicher längsnervatur
Laubblatt des Pfahlrohrs (Arundo donax)

Die Nutzung des Pfahlrohrs

Die Nutzung des Pfahlrohrs hat eine lange Geschichte und reicht von der Pflanzung als Wind- oder Erosionsschutz über die Tierfütterung bis hin zur Zierpflanze [5].


Auch die Panflöte des gleichnamigen griechischen Hirtengottes besteht aus den hohlen Halmen des Pfahlrohrs. Bis heute sind die sogenannten Rohrblätter – sie bilden den Teil des Mundstücks, der beim Spielen in Schwingung gerät – essentiell für Spieler verschiedenster Holzblasinstrumente (u. a.  Saxophon, Klarinette, Dudelsack) [2].


Auch der berüchtigte Rohrstock, der lange Zeit für Zucht und Ordnung in Haus und Klassenzimmer sorgte, wird als Spanisches Rohr bezeichnet. Tatsächlich handelt es sich dabei aber nicht um dieselbe Pflanze, sondern um Rattan. Ein unter anderem aus der Rattanpalme (Calamus rotang: Palmengewächs aus Indien) gewonnenes Naturprodukt.


Durch die extrem produktiven und dichten Bestände ist das Pfahlrohr auch als möglicher nachwachsender Rohstoff für die Biokraftstoffproduktion im Gespräch [6].

Die Eigenschaften, die eine Pflanze reizvoll für die Biomassenutzung machen, bergen allerdings auch Risiken, weshalb der großflächige Anbau des Pfahlrohrs oder des immer beliebter werdenden Chinaschilfs (Miscanthus spp.) insbesondere in Anbetracht der fortschreitenden Klimakrise nicht zu empfehlen ist (siehe unten).


Die Oehrchen umfassen den Halm am Blattgrund des Pfahlrohrs (Arundo donax)
Die Öhrchen umfassen den Halm am Grund des Blattes

Ist das Pfahlrohr invasiv?

Bereits kleine Halm- oder Rhizomstücke mit einem einzelnen Nodium (Knoten: Ansatzpunkt der Blätter) reichen für die Vermehrung. Eine Verbreitung über Samen spielt im gesamten Einführungsgebiet keine Rolle, da das Pfahlrohr zwar Samen bildet, diese aber steril (unfruchtbar) sind [7].


Aus dem Mittelmeergebiet wurde das Pfahlrohr vor circa 200 Jahren nach Kalifornien eingeführt. Dort sollte das Gras als Erosionsschutz dienen. Bereits im Jahr 1820 konnten unbeständige Vorkommen der Art festgestellt werden [5]. Die Art breitete sich darauffolgend großflächig aus und tritt heute als invasiver Neophyt auf, der durch seine vegetative Vermehrung dichte Röhrichte bildet, die die heimische Vegetation verdrängen. In den USA lassen sich die Vorkommen des Pfahlrohrs auf einen einzelnen Klon zurückführen und sind somit genetisch identisch [2].


Invasiv ist das Pfahlrohr unter anderem auch in Südafrika und Australien; für den Mittelmeerraum wird es teils als invasiver Archäophyt bezeichnet [7].


Auch andere sich großflächig klonal ausbreitende Gräser wie beispielsweise verschiedene Bambusarten oder das zurzeit sehr als Zier- und Nutzpflanze geschätzte Chinaschilf (Miscanthus spp.) bieten ein nicht zu unterschätzendes Invasionspotenzial.  

Ist das Pfahlrohr giftig?

Auch wenn beispielsweise die Blätter des Pfahlrohrs verschiedene Abwehrstoffe als Fraßschutz enthalten, wird es in vielen Quellen nicht als giftige Art geführt [3, 4, 5].


Im Wurzelstock des Pfahlrohrs konnten verschiedene psychoaktive Wirkstoffe nachgewiesen werden (u. a. DMT, vgl. Ayahuasca). Genaueres über die Wirkung und Anwendung des Pfahlrohrs als Rauschmittel sind nicht bekannt [8]. Vom Experimentieren mit der Pflanze ist dringend abzuraten.

Fazit

Auch wenn es einen in mediterranen Gefilden von jedem Straßenrand her in rauen Massen anlacht, so ist das Pfahlrohr in Mitteleuropa noch ein seltener Anblick. In diesem Fall ist das sicher ein gutes Zeichen, da viele gebietsfremde Arten aus wärmeren Teilen der Welt stammen und von der fortschreitenden Klimakrise direkt profitieren können.



[1] Genaust, H. (2012). Etymologisches Wörterbuch der botanischen Pflanzennamen. 3. Auflage. Hamburg: Nikol Verlagsgesellschaft. S. 80, 214.

[2] Kehl, A., Lauerer, M., Reifenrath, K., Schmidt, M., Socher, S. & Steinecke, H. (2021). Neue Wilde: Globalisierung in der Pflanzenwelt. Osnabrück: Verband Botanischer Gärten e. V. S. 50.

[3] Schönfelder, I. & Schönfelder, P. (2022). Die Kosmos-Mittelmeerflora. Über 1600 Arten und 1500 Fotos. Stuttgart: Franckh-Kosmos. S. 402.

[4] Hassler, M. & Muer, T. (2022). Flora Germanica: Alle Farn- und Blütenpflanzen Deutschlands in Text und Bild (Bd. 1–2). Ubstadt-Weiher: Verlag Regionalkultur. S. 473.

[5] Griebl, N. (2020). Kosmos Naturführer – Neophyten. Alle Arten im deutschsprachigen Raum. Stuttgart: Franckh-Kosmos. S. 332.

[6] Kowarik, I. (2010). Biologische Invasionen: Neophyten und Neozoen in Mitteleuropa. 2. Auflage. Stuttgart: Eugen Ulmer. S. 175.

[7] Jiménez-Ruiz, J., Hardion, L., Del Monte, J. P., Vila, B. & Santín-Montanyá, M. I. (2021). Monographs on invasive plants in Europe N° 4: Arundo donax L. Botany Letters 168 (1): 131–151. DOI: 10.1080/23818107.2020.1864470. S. 134, 136–139.

[8] Rätsch, C. (2016). Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Botanik, Ethnopharmakologie und Anwendungen. 13. Auflage. Aarau: AT Verlag. S. 77–79.


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