Amerikanische Kermesbeere (Phytolacca americana): Ließ der Sonnenkönig wegen dieser Pflanze Menschen enthaupten?
Aktualisiert: 31. Aug.
Zwillinge der Pflanzenwelt, aus weit entfernten Landen, die eine aus Nordamerika, die andere ostasiatischer Herkunft. Zwei Pflanzen mit langer Kulturgeschichte und vielfältiger Nutzung. Aufgrund ihrer Farbe historisch bei Winzern und Wirten der Alten Welt beliebt, lehrt eine von ihnen heutige Förster zunehmend das Fürchten. Dank Klimawandel und Vogelmagen in Mitteleuropa auf dem Vormarsch.

Herkunft und Geschichte der Kermesbeeren
Der Gattungsname Phytolacca setzt sich aus dem griechischen phyton für Gewächs bzw. Pflanze und dem lateinischen lacca (Lack) zusammen und bezieht sich auf den intensiven lackähnlichen Farbstoff, der aus den Früchten der Kermesbeeren gewonnen wird [1]. Der deutsche Name verweist auf den Kermes, den Farbstoff der Kermes-Schildlaus (arab. qirmiz = „Scharlachrot").
Die Asiatische Kermesbeere (Phytolacca esculenta) stammt, wie der deutsche Name es bereits vermuten lässt, aus Ostasien. Die Art kommt in der gemäßigten Zone von Nord-Pakistan bis nach Japan vor [2]. Nach Europa kam die Asiatische Kermesbeere Ende des 18. Jahrhunderts [3, 4].
Die sehr ähnliche Amerikanische Kermesbeere (Phytolacca americana), die in Mitteleuropa ebenfalls verwilderte – in Teilen bereits etablierte – Schwester aus der Neuen Welt stammt aus Nordamerika und ist dort von Kanada bis nach Mexiko verbreitet [5]. Nach Europa gelangte sie bereits 1615 und wurde zuerst in London kultiviert, bevor sie Mitte des 17. Jahrhunderts nach Deutschland gelangte [3, 4].
Wie erkenne ich die Kermesbeeren?
Die Kermesbeeren sind ausdauernde Stauden und können Wuchshöhen von bis zu drei Metern erreichen. Die Blätter sind groß und ganzrandig. Bei der Asiatischen Kermesbeere stehen die Blüten in aufrechten Trauben an der Pflanze. Die Früchte sind beerenartig, tief gefurcht mit acht Fruchtkammern bzw. Segmenten, die bis zum Grund geteilt sind [6]. Mit ihrem fast schwarzen Farbton erinnern sie an reife Brombeeren.


Die zweite bei uns vorkommende Art, die Amerikanische Kermesbeere, hat zunächst ebenfalls aufrechtstehende Blütenstände, welche im Gegensatz zu denen ihrer asiatischen Schwester im späteren Verlauf überhängen. Die Früchte stehen ebenfalls in dichten Trauben, sind aber nicht tief gefurcht – hier sind die zehn Fruchtkammern miteinander verwachsen – und erinnern vom Aussehen eher an die runden Früchte der Kulturheidelbeere – ebenfalls aus Nordamerika stammend. Beide Arten sind roh giftig, besonders die Amerikanische Kermesbeere, und sollten nicht verzehrt werden. Die Stängel der Amerikanischen Kermesbeere sind oft rötlich gefärbt, die der Asiatischen behalten dahingehend ihr sattes Grün [6].
Warum ist die Amerikanische Kermesbeere ein Problem?
Während die Asiatische Kermesbeere eine häufig verwilderte Zierpflanze ist und vor allem unbeständig in Gärten und auf Brachflächen auftritt, führt ihre amerikanische Schwesternart in lichten Wäldern auf sandigen Böden bereits zu Schäden in der Forstwirtschaft. Die ausdauernde Staude bildet große und dichte Dominanzbestände, die die Naturverjüngung des Waldes behindern, indem sie den Jungwuchs beschatten [7, 8]. In Teilen Deutschlands (Südwesten) gilt sie bereits als etabliert und nimmt dort stark zu [6]. Die Ausbreitung findet vor allem über Vögel statt.
Nutzung und Giftigkeit der Kermesbeeren
Die Kermesbeere wird in Asien seit langem als Kulturpflanze geschätzt. Obwohl sie leicht giftig ist, werden ihre jungen Blätter und Stängel in Ostasien gegart als Gemüse verzehrt – die Amerikanische Art ist deutlich giftiger und wird nur nach mehrfachem Abkochen gegessen.
Neben der Rolle als Nahrungsmittel hat die Wurzel von Shang Lu in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) als entzündungshemmendes Mittel und zur Flüssigkeitsausleitung bei Ödemen lange Tradition. Auch die Tibetische Naturheilkunde nutzt die Asiatische Kermesbeere.
Einer roten Varietät der Art wird unter anderem eine psychoaktive – Halluzinationen hervorrufende – Wirkung zugesprochen; aktuelle Erkenntnisse, die die überlieferte Wirkung chinesischer Quellen belegen, gibt es aber nicht [9]. In Europa hingegen ist die Art nur als Zierpflanze bekannt.
Die Amerikanische Kermesbeere wurde bereits in ihrer Heimat als Färbepflanze geschätzt und diente unter anderem der Färbung von Körben und Stoffen. Später wurde sie in den Weinbauregionen Mitteleuropas und im Mittelmeerraum zur Färbung von Rotwein angebaut und gab Süßigkeiten ihre Farbe [1, 4].
Die tradierte und vielfach reproduzierte Behauptung, während der Herrschaft des Sonnenkönigs Ludwig XIV. (reg. 1643–1715), sei das Färben von Rotwein mit Phytolaccarot unter Androhung der Todesstrafe verboten gewesen, lässt sich anhand historischer Quellen allerdings nicht belegen.
Tatsächlich führten eben in jener Zeit – Ende des 17. Jahrhunderts – in süddeutschen Weinbaugebieten sowohl wetterbedingte Missernten als auch französische Feldzüge und Plünderungen zu einer allgemeinen Knappheit und schlechten Qualität des Weines. Das Auftreten der Colica Pictonum – eine Form der Bleivergiftung – zu eben jener Zeit lässt sich auf den illegalen Zusatz von Bleiglätte (Bleioxid, PbO) zur Verbesserung des Geschmackes (Entsäuerung) zurückführen. Hierbei handelt es sich allerdings nicht um die Färbung, sondern um eine geschmackliche Korrektur des Weins.
Ein Edikt Herzog Eberhard Ludwigs von Württemberg stellte den Bleiglättezusatz in den 1690er Jahren unter Androhung des Verlusts von Leben, Ehre und Vermögen – und zwar auch für jeden, der einen Täter nicht anzeigte. Wenige Jahre später wurde Johann Ehrni, ein Küfer aus Esslingen, wegen Bleiglättezusatzes verurteilt und in Stuttgart öffentlich enthauptet [10].
Der Kopf ist also doch gerollt – nur nicht in Frankreich, sondern in Württemberg, und nicht wegen der Kermesbeere.
Fazit
Zwei Kulturpflanzen aus weit entfernten Teilen der Welt, durch den Menschen an einem Ort vereint, den sie auf natürlichem Wege wohl nie erreicht hätten. Für die Indigenen Nordamerikas eine Färbe- und Heilpflanze. Im ostasiatischen Raum Medizin, angebliches Rauschmittel, und Gemüse. In Europa ein Mittel der Täuschung zur Schönung einer allseits beliebten Volksdroge, das sich inzwischen in süddeutschen Weinbaugebieten in Form eines invasiven Neophyten rächt.
Damit liefern die Kermesbeeren ein gutes Beispiel dafür, dass Neophyten mehr sind als exotische Zierpflanzen oder Eindringlinge – und zugleich für die Problematik, die mit der unkontrollierten Einführung gebietsfremder Arten einhergehen kann.
Quellen:
[1] Genaust, H. (2012). Etymologisches Wörterbuch der botanischen Pflanzennamen. Dritte, vollständig überarbeitete und erweiterte Ausgabe. – Nikol Verlagsgesellschaft, Hamburg, S. 483.
[2] POWO (2026). Phytolacca acinosa Roxb. [= Phytolacca esculenta Van Houtte]. Plants of the World Online. Royal Botanic Gardens, Kew. https://powo.science.kew.org/taxon/urn:lsid:ipni.org:names:676329-1. Abgerufen am 17.08.2026.
[3] Griebl, N. (2020). Kosmos Naturführer – Neophyten. Alle Arten im deutschsprachigen Raum. – Franckh-Kosmos, Stuttgart, S. 317.
[4] Weber, E. (2013). Invasive Pflanzen der Schweiz: erkennen und bekämpfen. 1. Auflage. – Haupt, Bern, S. 166–168.
[5] POWO (2026). Phytolacca americana L. Plants of the World Online. Royal Botanic Gardens, Kew. https://powo.science.kew.org/taxon/urn:lsid:ipni.org:names:323290-2. Abgerufen am 17.08.2026.
[6] Hassler, M. & Muer, T. (2022). Flora Germanica: Alle Farn- und Blütenpflanzen Deutschlands in Text und Bild (Bd. 1–2). – Verlag Regionalkultur, Ubstadt-Weiher, S. 1076.
[7] Rupp, M., Palm, T. & Michiels, H.-G. (2017). Die Kermesbeere – eine invasive Art in lichten Wäldern. – AFZ-DerWald 9/2017, S. 38–42. https://www.waldwissen.net/de/waldwirtschaft/schadensmanagement/neue-arten/kermesbeere-bekaempfen. Abgerufen am 17.08.2026.
[8] Nehring, S., Kowarik, I., Rabitsch, W. & Essl, F. (Hrsg.) (2013). Naturschutzfachliche Invasivitätsbewertungen für in Deutschland wild lebende gebietsfremde Gefäßpflanzen. BfN-Skripten 352. – Bundesamt für Naturschutz, Bonn – Bad Godesberg, S. 146.
[9] Rätsch, C. (2016). Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Botanik, Ethnopharmakologie und Anwendungen. 13. Auflage. – AT Verlag, Aarau, S. 436 ff.
[10] Eisinger, J. (1982). Lead and wine. Eberhard Gockel and the colica Pictonum. – Medical History 26 (3), S. 279–302.




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