Beifuß-Ambrosie (Ambrosia artemisiifolia) – Ein Schrecken für Allergiker!
Aktualisiert: vor 5 Tagen
Ragweed, Ambrosia oder Traubenkraut – viele Namen für dasselbe Problem: Ein hochpotentes Allergen und den invasiven Neophyten mit den wahrscheinlich höchsten Kosten in Mitteleuropa.

Die Beifußblättrige Ambrosie (Ambrosia artemisiifolia), auch nach ihrem wissenschaftlichen Gattungsnamen Ambrosia (griech. ambrosía = „Götterspeise“) oder wie in ihrer Heimat Ragweed genannt, ist ein eher unscheinbarer Korbblütler aus Nordamerika mit unauffälligen grünen Blüten. Häufig tritt sie an Straßenrändern, Bahndämmen und weiteren, vom Menschen stark geprägten Orten auf. Das hohe Allergiepotenzial der Pollen führt bei Betroffenen zu hohem Leidensdruck und europaweit jährlich zu Kosten in Milliardenhöhe [1].
Herkunft und Geschichte der Ambrosie
Die Ambrosie stammt ursprünglich aus Nordamerika und wurde bereits Anfang des 17. Jahrhunderts in Teilen Europas kultiviert. Erste Verwilderungen traten dann Ende des 18. Jahrhunderts auf, bis sich die Meldungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Mitteleuropa häuften [2].
Wahrscheinlich wurde sie über den Import von Getreide, Kleesaat oder Sonnenblumensamen nach Europa verschleppt und tauchte anfangs besonders an Umschlagplätzen wie Hafenanlagen und Bahnhöfen auf. Von dort breitete sich die Art weiter aus.
Auch heute kommt die Ambrosie immer noch als blinder Passagier in Vogelfutter nach Mitteleuropa. In der Schweiz gilt seit 2005 die Futtermittelverordnung, die den Handel mit von Ambrosiasamen verunreinigtem Tierfutter verbietet. Dadurch ist die Verbreitung der Ambrosie über diesen Weg bereits deutlich verlangsamt worden [3].

Wie erkenne ich die Ambrosie?
Die Ambrosie ist eine annuelle (einjährige) Art und bildet eine Vielzahl von Samen, welche direkt neben der Mutterpflanze zu Boden fallen, also keine besondere Ausbreitungsmechanik haben, und dort eine langfristige Samenbank bilden. Die Samen können im Boden bis zu 40 Jahre keimfähig bleiben [3]. Ihre späte Blütezeit von August bis Oktober verlängert nicht nur die Belastung für Allergiker, sondern sorgt auch dafür, dass ihre Samen zum Teil nicht ausreifen [2].
Die Ambrosie ist eine einhäusige Pflanze (männliche und weibliche Blüten kommen getrennt voneinander auf derselben Pflanze vor), mit männlichen Blütenköpfchen in dichten Trauben an den Spitzen der Triebe und den weiblichen Blüten, die in Knäueln in den Achseln der Blätter stehen [4]. Der englische Name Ragweed (von engl. ragged = „zerfetzt, ausgefranst“ und weed = „Unkraut“) weist schon auf die Form der Blätter hin. Diese sind durch tiefe Einschnitte zweifach fiederschnittig zerteilt und beidseitig grün.
Im Gegensatz zu den meisten als Zierpflanzen geschätzten Korbblütlern (Asteraceae), mit spektakulären farbenfrohen Körben (Blütenstände der Korbblütler), ist die Ambrosie eine windbestäubte Art, greift also für die Bestäubung nicht auf Insekten zurück und hat deshalb keinen Bedarf, auffällige Blütenkörbe zu bilden – eine bei Korbblütlern eher seltene Erscheinung [5]. Diese Eigenschaft ist es leider auch, die die Ambrosie für Allergiker so gefürchtet macht.
Da die Samen der Ambrosie im Boden sehr lange keimfähig bleiben, werden sie oftmals mit belastetem Erdmaterial verschleppt, was beispielsweise an neu geschaffenen Böschungen und Straßenbanketten zu dichten Beständen führen kann [5].
Die Art nimmt zurzeit in Deutschland weiterhin stark zu und kommt bei uns vor allem auf sandigen oder kiesigen Ruderalflächen oder an Autobahn- und Wegrändern vor. Man findet sie aber auch auf landwirtschaftlichen Flächen, beispielsweise Hackfruchtkulturen (z. B. Mais, Zea mays) [6].


Verwechslungsgefahr mit anderen Pflanzen
Der sehr häufige und heimische Gewöhnliche Beifuß (Artemisia vulgaris) hat eine ausladende Rispe, die Blütenkörbe stehen nicht wie bei der Ambrosie in Trauben. Die Blätter sind tief fiederschnittig und gesägt. Auf der Oberseite sind sie dunkelgrün, die Unterseite ist hingegen graufilzig behaart [6].
Auch mit dem ebenfalls neophytischen Verlotschen Beifuß (Artemisia verlotiorum) – auch er ist ein Problem für Pollenallergiker – wird die Ambrosie manchmal verwechselt. Die Rispe wirkt beim Verlotschen Beifuß mit ihren kurzen Seitenästen aber im Gegensatz zur Ambrosie schmal und gestreckt. Die mittleren Stängelblätter sind tief fiederschnittig. Ein gutes Erkennungsmerkmal ist die sehr lange Endfieder. Auch der Verlotsche Beifuß hat zweifarbige Blätter, oben grün, unten weißfilzig. Beim Verlotschen Beifuß fällt einem auch direkt das starke Aroma auf, das noch intensiver ist als beim Gewöhnlichen Beifuß [6].


Gesundheitsprobleme durch Ambrosie
Die Ambrosie ist hauptsächlich wegen ihrer allergen wirkenden Pollen ein Problem. In Deutschland betrifft das – Stand 2010 – circa 2–4 Millionen Allergiker. Für Pollenallergiker kann sich durch die Ambrosie der Zeitraum der Belastung um bis zu zwei Monate verlängern [7].
Bereits 10 Pollenkörner pro Kubikmeter Luft reichen für eine Reaktion [8] Selbst bei Berührung können empfindliche Menschen mit einer Kontaktdermatitis reagieren, also einer allergischen Reaktion der Haut [2].
Eine Studie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) geht für Deutschland allein von jährlichen Gesundheitskosten von 200 Millionen bis über eine Milliarde Euro aus [9]. Für Europa geht man sogar von 13,5 Millionen Betroffenen und Kosten von 7,4 Milliarden Euro jährlich aus [1].
Ambrosie in der Landwirtschaft
Die Ambrosie tritt vor allem im östlichen Mitteleuropa (u. a. Ungarn, Slowenien) auf landwirtschaftlichen Flächen auf. Dort führt die Art zu Ertragseinbußen in Gemüse- und Sonnenblumenkulturen [2]. Auch in Deutschland spielt die Ambrosie in der Landwirtschaft eine Rolle, beispielsweise auf Maisäckern [6].
Ist die Ambrosie invasiv?
Ja, die Beifuß-Ambrosie gilt in Teilen Mitteleuropas als invasive Art. In Deutschland ist sie als potenziell invasive Art gelistet [10]. Hier wird für die Invasivitätsbewertung allerdings hauptsächlich auf die ökologischen Gefahren geschaut, welche bei der Ambrosie eine untergeordnete Rolle spielen.
In Österreich und der Schweiz gilt sie hingegen als invasiv. In der Schweiz ist jeglicher Umgang mit der Ambrosie verboten, ausgenommen ist die Bekämpfung der Art [11]. Im Osten Österreichs – dem pannonischen Raum – wo das Ragweed eine besondere Rolle spielt, gibt es bereits ein eigenes Gesetz für den Umgang mit der Ambrosie.
In Österreich gibt es zudem eine eigene App, den Ragweedfinder, mit der man gefundene Ambrosiavorkommen melden kann [12].
Fazit
Die fortschreitende Klimakrise spielt nicht nur unmittelbar, wie man es direkt an der Übersterblichkeit im vergangenen Sommer (2026) sehen konnte [13], eine Rolle für die menschliche Gesundheit, sondern wirkt auch an Stellen, die nicht direkt sichtbar werden.
Biologische Invasionen sind schleichende Prozesse, die oftmals erst nach langer Verzögerung zum Tragen kommen und zudem schwer zu prognostizieren sind. Bei vielen Arten, die heute zu Problemen führen lässt sich aber eine Entwicklung bereits absehen. Bei der Beifuß-Ambrosie wird auf Grundlage von Klimamodellen von einer deutlichen Ausdehnung der geeigneten Habitate bis zum Jahr 2060 ausgegangen [14].
Wir sollten uns deshalb besonders auf die Prävention einer weiteren Ausbreitung sowie auf die Förderung des Bewusstseins für die Problematik invasiver Arten in der Bevölkerung fokussieren.
Quellen:
[1] Schaffner, U., Steinbach, S., Sun, Y., Skjøth, C. A., de Weger, L. A., Lommen, S. T. E., Augustinus, B. A., Bonini, M., Karrer, G., Šikoparija, B., Thibaudon, M. & Müller-Schärer, H. (2020). Biological weed control to relieve millions from Ambrosia allergies in Europe. Nature Communications 11 (1): 1745. DOI: 10.1038/s41467-020-15586-1.
[2] Kowarik, I. (2010). Biologische Invasionen. Neophyten und Neozoen in Mitteleuropa. 2. Auflage. Stuttgart: Eugen Ulmer. S. 171–173.
[3] Info Flora (2020). Ambrosia artemisiifolia L. (Asteraceae). Factsheet. Bern: Info Flora. https://www.infoflora.ch/assets/content/documents/neophyten/inva_ambr_art_d.pdf. S. 3–4.
[4] Pagitz, K. & Moling, M. (2020). Strategie für Tirol im Umgang mit gebietsfremden Pflanzenarten (Neophyten). Innsbruck: Amt der Tiroler Landesregierung, Abteilung Umweltschutz. https://www.tirol.gv.at/meldungen/meldung/neophytenstrategie-des-landes-tirol/. S. 29–34.
[5] Weber, E. (2013). Invasive Pflanzen der Schweiz. Erkennen und bekämpfen. Bern: Haupt. S. 32–35.
[6] Hassler, M. & Muer, T. (2022). Flora Germanica: Alle Farn- und Blütenpflanzen Deutschlands in Text und Bild (Bd. 1–2). Ubstadt-Weiher: Verlag Regionalkultur. S. 1453–1454, 1516.
[7] Behrendt, H., Gabrio, T., Alberternst, B., Kaminski, U., Nawrath, S. & Böhme, M. (2010). Gesundheitliche Bewertung der Verbreitung von Ambrosia artemisiifolia in Baden-Württemberg: Risiko oder Überschätzung? Umweltmedizin in Forschung und Praxis 15 (1): 34–41.
[8] Kehl, A., Lauerer, M., Reifenrath, K., Schmidt, M., Socher, S. & Steinecke, H. (2021). Neue Wilde. Globalisierung in der Pflanzenwelt. Osnabrück: Verband Botanischer Gärten. S. 49.
[9] Born, W., Gebhardt, O., Gmeiner, J. & Ruëff, F. (2012). Gesundheitskosten der Beifuß-Ambrosie in Deutschland. Umweltmedizin in Forschung und Praxis 17 (2): 71–80.
[10] Nehring, S. & Rabitsch, W. (Hrsg.) (2025). Naturschutzfachliche Invasivitätsbewertungen und Gesamtartenliste der in Deutschland wild lebenden gebietsfremden Gefäßpflanzen. BfN-Schriften 731. Bonn: Bundesamt für Naturschutz. DOI: 10.19217/skr731. S. 138–142.
[11] Info Flora (2021). Liste der invasiven und potenziell invasiven Neophyten der Schweiz. Stand 20.12.2021, Fassung März 2024. Bern: Info Flora. S. 1.
[12] Medizinische Universität Wien (o. J.). Ragweed Finder. Wien: Medizinische Universität Wien. https://www.ragweedfinder.at/
[13] an der Heiden, M., Zacher, B., RKI-Geschäftsstelle für Klimawandel & Gesundheit, Diercke, M. & Bremer, V. (2026). Wochenbericht zur hitzebedingten Mortalität KW 37. Berlin: Robert Koch-Institut. DOI: 10.25646/14459.
[14] Rabitsch, W. & Essl, F. (Hrsg.) (2010). Aliens. Neobiota und Klimawandel – eine verhängnisvolle Affäre? Weitra: Bibliothek der Provinz. S. 38.




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