Die Strahlenlose Kamille (Matricaria discoidea): Der häufigste Neophyt Deutschlands
Aktualisiert: 31. Aug.
Sie begleitet uns auf Schritt und Tritt – immer zu Füßen und doch meist übersehen. Die lieblich duftende kleine Schwester der Kamille ist einer der erfolgreichsten und häufigsten Neophyten Mitteleuropas.

Herkunft und Geschichte der Strahlenlosen Kamille
Die Strahlenlose Kamille (Matricaria discoidea) stammt ursprünglich aus Nordamerika und ist durch den Menschen inzwischen in fast alle Teile der Welt gelangt [1]. Nachdem die Art Mitte des 19. Jahrhunderts in verschiedenen botanischen Gärten Europas kultiviert wurde, gab es 1852 bereits die ersten Nachweise für Vorkommen außerhalb des Botanischen Gartens in Berlin. Im Wiener Prater wurde die Art dann erstmals im Jahr 1889 nachgewiesen und auch in der Schweiz fand man sie bereits in den 1930er Jahren [2].
Die Strahlenlose Kamille breitete sich besonders effektiv entlang von Eisenbahnlinien aus und wurde so bereits 50 Jahre nach ihrer Einführung ein sehr häufig anzutreffender Neophyt in Mitteleuropa. Bei vielen Arten – besonders Gehölzen wie der Walnuss oder dem Abendländischen Lebensbaum, der häufigsten Thuja in heimischen Gärten, kann die Spanne zwischen der ersten Einführung und späteren Etablierung im neuen Gebiet mitunter mehrere hundert Jahre dauern. Die Strahlenlose Kamille hat ihren Siegeszug entlang der Gleisbetten und Wegränder in der Vergangenheit ungebrochen fortgesetzt und ist inzwischen in Deutschland der am weitesten verbreitete Neophyt überhaupt [3].

Wie erkenne ich die Strahlenlose Kamille?
Die Strahlenlose Kamille ist eine annuelle, also einjährige, Art aus der Familie der Korbblütler (Asteraceae) und bildet auf ihren meist niedrig und ausgebreitet wachsenden stark verzweigten Stängeln grünlich-gelbe Blütenkörbe, die durch die im Gegensatz zur Echten Kamille fehlenden Zungenblüten – die weißen Strahlen am Rand – gekennzeichnet sind. Diese werden oftmals fälschlicherweise als Blütenblätter bezeichnet. Bei den Korbblütlern wirken die Blütenstände auf den ersten Blick oft wie einzelne Blüten, es handelt sich hierbei aber um eine Vielzahl an Blüten, die gemeinsam den Korb bilden. Die Blätter sind, ähnlich dem Gefieder eines Vogels, in viele feine Zipfel zerteilt, weshalb man in Fachkreisen von fiederteiligen Blättern spricht [4].
Die Echte Kamille (Matricaria chamomilla) wird deutlich größer als ihre nordmamerikanische Schwester, Wächst aufrecht und hat die charakteristischen weißen Zungenblüten am Rand der Körbe. Sie kommt oft an weniger intensiv genutzten Äckern vor und Zählt zur in Mitteleuropa immer stärker unter Druck geratenden Ackerbegleitflora (Segetalflora). Durch die weiter zunehmende Intensivierung der Landwirtschaft nimmt sie leider stark ab.
Auch die Echte Kamille ist in Mitteleuropa ursprünglich nicht heimisch und kam vermutlich schon vor mehreren tausend Jahren aus Südosteuropa zu uns [5]. Sie zählt somit nicht zu den Neophyten (Einführung durch den Menschen nach 1492), sondern ist ein Alteinwanderer (Archäophyt).

Wo wächst die Strahlenlose Kamille?
Zu finden ist die Strahlenlose Kamille auf brachliegenden Äckern und verlassenen Industrieflächen sowie besonders an und auf Wegen und Schotterflächen. Die Art ist ein fester Teil sogenannter Trittpflanzengesellschaften. Diese zeichnen sich durch besonders gegen mechanische Belastung – beispielsweise die Befahrung mit Auto und Rad – und verdichtete Böden sowie Sauerstoffmangel unempfindliche Pflanzenarten wie den Breit-Wegerich oder Vogelknöterich aus.

Ist die Strahlenlose Kamille Giftig?
Die Strahlenlose Kamille ist, wie auch die Echte Kamille, ungiftig und für Tier und Mensch sogar essbar. Ihre Anwendung findet aber vor allem als Tee statt (siehe unten).
Auch auf Weiden und Pferdekoppeln findet sich die an besonders stark betretenen Orten häufige Art. Da die Echte Kamille als Heilpflanze bei Pferden und anderen Weidetieren zum Einsatz kommt, ist auch bei der Strahlenlosen Kamille von keinen Problemen auszugehen.
Heilwirkung der Strahlenlosen Kamille
Die Echte Kamille wird in Europa seit langer Zeit als Heilpflanze genutzt und ist bis heute eine der häufigsten Teedrogen. Bereits der Gattungsname Matricaria leitet sich vom lateinischen Matrix (Gebärmutter) ab und deutet auf die Anwendung der Echten Kamille bei sogenannten Frauenkrankheiten hin [6].
Ihre ungebrochene Beliebtheit verdankt sie ihrer Entzündungshemmenden, Antibakteriellen und Krampflösenden Wirkung. Hierfür verantwortlich sind Verschiedene in ihrem ätherischen Öl enthaltene Wirkstoffe (u. a. Bisabolol und Matricin) [7].
» Matricaria leitet sich vom lateinischen Matrix (Gebärmutter) ab «
Die nahe Verwandschaft der Strahlenlosen Kamille mit ihrem europäischen Pendant wird unter anderem besonders durch ihren stark aromatischen Kamillengeruch deutlich. Sie enthält zwar ebenfalls eine Zahl verschiedener ätherischer Öle, kann von den Inhaltsstoffen mit der Echten Kamille aber nicht mithalten und ist medizinisch daher von geringer Bedeutung [8].
Trotz ihrer im Vergleich zur Echten Kamille geringeren Heilwirkung lässt sie sich dennoch als Tee verwenden und wurde historisch als Heilpflanze genutzt [9].
Fazit
Die Strahlenlose Kamille ist eine schöne und sehr häufige, doch so oft übersehene Pflanze. Die kleine Schwester der Kamille ist im Gegensatz zu anderen weit verbreiteten Neophyten keine invasive Art und fügt sich bei uns problemlos in die Umwelt ein. Zudem kommt sie gerade dort vor, wo der menschliche Einfluss besonders hoch ist und findet sich in naturnahen und schützenswerten Lebensräumen eher selten.
Quellen:
[1] Plants of the World Online (POWO). (o. J.). Matricaria discoidea DC. – Royal Botanic Gardens, Kew. https://powo.science.kew.org/taxon/urn:lsid:ipni.org:names:154716-2. Abgerufen am 25.06.2026.
[2] Griebl, N. (2020). Kosmos Naturführer – Neophyten. Alle Arten im deutschsprachigen Raum. – Franckh-Kosmos, Stuttgart, S. 108.
[3] Kowarik, I. (2010). Biologische Invasionen: Neophyten und Neozoen in Mitteleuropa. 2. Auflage. – Eugen Ulmer, Stuttgart, S. 132f.
[4] Hassler, M. & Muer, T. (2022). Flora Germanica. Alle Farn- und Blütenpflanzen Deutschlands in Text und Bild. – Verlag Regionalkultur, Ubstadt-Weiher, S. 1469.
[5] Isermann, M., Rabitsch, W. & Nehring, S. (2024). In Deutschland wild lebende Archäobiota und deren Status im Naturschutz. BfN-Schriften 710. – Bundesamt für Naturschutz, Bonn. DOI: 10.19217/skr710.
[6] Düll, R. & Kutzelnigg, H. (1992). Botanisch-ökologisches Exkursionstaschenbuch. Das Wichtigste zur Biologie bekannter heimischer Pflanzen. 4. Auflage. – Quelle & Meyer, Heidelberg, S. 275.
[7] Hoffmann, P. (Hrsg.) (2000). Lexikon der Arzneipflanzen. Wegweiser zur Selbstbehandlung. – Kopp Verlag, Rottenburg, S. 97.
[8] Hitziger, T., Höll, P., Ramadan, M., Dettmering, D., Imming, P. & Hempel, B. (2003). Die alte junge Kamille. – Pharmazeutische Zeitung, Ausgabe 05/2003. Online verfügbar unter: https://www.pharmazeutische-zeitung.de/titel-05-2003/. Abgerufen am 24.06.2026.
[9] Marzell, H. (1935). Neues illustriertes Kräuterbuch. 3., verbesserte Auflage. – Enßlin & Laiblins Verlagsbuchhandlung, Reutlingen, S. 383.




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