Verlotscher Beifuß (Artemisia verlotiorum) – Stiefbruder der Ambrosie
Der Verlotsche Beifuß ist ein unauffälliger Neophyt aus Ostasien und hat sich in Europa in den letzten Jahren weiter ausgebreitet. Die oft übersehene Art spielt für Allergiker, Landwirte und zunehmend auch für den Naturschutz eine problematische Rolle. Ihre späte Blütezeit macht sie zu einem Profiteur der Klimakrise.

Herkunft und Geschichte des Verlotschen Beifußes
Der Verlotsche Beifuß (Artemisia verlotiorum) stammt ursprünglich aus Ostasien und verdankt einen seiner Namen der Halbinsel Kamtschatka. Sein natürliches Verbreitungsgebiet beschränkt sich auf das nördliche Pakistan, den Himalaya bis China und die Mongolei. Auch wenn er oft als Kamtschatka-Beifuß bezeichnet wird, gehört die gleichnamige Halbinsel nicht dazu [1].

Benannt wurde der Ostasiatische Beifuß nach den Gebrüdern Verlot, französischen Botanikern [2]. Sie beobachteten die Art bei Grenoble erstmals auf dem europäischen Kontinent im Jahre 1873. Vermutlich wurde die Art im Zuge des französischen Krieges in China in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Europa verschleppt. Ab 1920 gibt es erste Nachweise im Bodenseegebiet [3].
Wie erkenne ich den Verlotschen Beifuß?
Der Verlotsche Beifuß ist eine ausdauernde Staude und kann mit seinen unterirdischen Ausläufern große Bestände bilden. Im Winter zieht er sich bis auf kleine Blattrosetten in den Boden zurück.

Die Rispe wirkt mit ihren kurzen Seitenästen schmal und gestreckt. Da der Verlotsche Beifuß zu den Korbblütlern (Asteraceae) gehört, sind die wie kleine Einzelblüten wirkenden Körbe wiederum Blütenstände, die jeweils aus mehreren Blüten zusammengesetzt sind.
Die mittleren Stängelblätter sind tief fiederschnittig. Ein gutes Erkennungsmerkmal ist der sehr lange Endabschnitt. Auf der Oberseite sind sie dunkelgrün, die Unterseite ist hingegen weißfilzig behaart.
Auffällig ist auch der intensive Geruch des Verlotschen Beifußes. Aromatisch steht der Neophyt dem Gewöhnlichen Beifuß (Artemisia vulgaris) in keiner Weise nach. Im Gegenteil, er hat einen kräftigeren und zugleich feineren Duft.

Verwechslungsgefahr mit anderen Pflanzen
Der sehr häufige und heimische Gewöhnliche Beifuß (Artemisia vulgaris) unterscheidet sich vom Neophyten durch die langen Seitenäste der Rispe, wodurch der Korbstand deutlich breiter wirkt, sowie die Form der Blätter. Diese besitzen tief gesägte Abschnitte und der Endabschnitt ist im Gegensatz zum Verlotschen Beifuß deutlich kürzer [4].
Der Verlotsche Beifuß wird auch immer wieder mit dem invasiven Beifuß-Ambrosie bzw. Ragweed (Ambrosia artemisiifolia) aus Nordamerika verwechselt. Die Korbstände sind hier aufrecht mit einer großen Zahl an Seitentrieben und im Vergleich zum Verlotschen Beifuß deutlich ausladender. Die vielblütigen Trauben (einzelne Blütenkörbe stehen kurzgestielt entlang einer Achse) sind hellgrün. Die Blätter sind zumindest im unteren Teil der Pflanze doppelt fiederschnittig und beidseitig grün [4].


Verlotscher Beifuß in der Küche
Der Gewöhnliche Beifuß (Artemisia vulgaris) ist ein bekanntes Gewürz für die fettige Küche, besonders Gänsebraten. Anwendung fand die Art bereits in der Klostermedizin der Hildegard von Bingen. Tatsächlich besticht der Verlotsche Beifuß durch ein noch feineres und intensiveres Aroma als die heimische Art und ist ebenso gut für den Einsatz in der Küche geeignet.
Allergiepotenzial des Verlotschen Beifußes
Gerade für Beifuß-Allergiker kann der Verlotsche Beifuß eine Rolle spielen. Während die Art in Südtirol bereits regelmäßig blüht, gelangen die Pflanzen nördlich der Alpen in vielen Jahren nicht zur Blüte und führen somit auch zu keiner Pollenbelastung.
Der Klimawandel und die damit einhergehende Verlängerung der Vegetationsperiode sowie zunehmend mildere Winter bringen den Verlotschen Beifuß aber auch hier regelmäßiger zur Blüte als früher. Durch seine sehr späte Blüte von Oktober bis November – der Gewöhnliche Beifuß blüht bis in den September – verlängert sich für Pollenallergiker die belastende Zeit [5].


Warum ist der Verlotsche Beifuß ein Problem?
Der Verlotsche Beifuß kann durch seine langen Ausläufer auf landwirtschaftlichen Flächen – Hackfruchtkulturen wie Kartoffel- oder Rübenäcker –, Gärtnereien und Weinbergen zum Problem werden. Verschleppt wird er in der Landwirtschaft oft mit kontaminiertem Bodenmaterial [6, 7].
Außerhalb der Kulturlandschaft spielt die Art zunehmend auch im Naturschutz eine Rolle. An geeigneten Stellen (z. B. Flussufer) kann der Verlotsche Beifuß dichte Reinbestände bilden, die mit heimischer Vegetation konkurrieren und diese mitunter verdrängen [7].
Ist der Verlotsche Beifuß invasiv?
In Deutschland wird der Verlotsche Beifuß aktuell als potenziell invasive Art geführt und steht unter Beobachtung [6]
In der Schweiz steht die Art bereits auf der Liste der invasiven Neophyten und ist mit einem Inverkehrbringungsverbot belegt, darf also nicht gehandelt oder auf andere Art und Weise an Dritte abgegeben werden. Im Privatgarten bleibt die Art weiterhin erlaubt [8, 9].
Fazit
Der Verlotsche Beifuß ist noch ein eher unbekannter und oft übersehener Neophyt. Die meisten gehen wohl, ohne ihn zu bemerken, an ihm vorbei. Pollenallergiker spüren in manchen Jahren aber bereits die längere Pollenbelastung, da er direkt im Anschluss an den sehr häufigen Gewöhnlichen Beifuß blüht. Noch wird die Art zwar nicht überall als invasiv betrachtet, wahrscheinlich wird angesichts der raschen Klimaerwärmung aber wohl mittelfristig mehr Aufmerksamkeit auf den Verlotsche Beifuß fallen. Er ist ein gutes Beispiel dafür, warum es uns wichtig sein sollte, präventiv zu handeln, und welche vielfältigen Auswirkungen der Klimawandel auf das menschliche Leben in den kommenden Jahren und Jahrzehnten haben wird. Es gibt eine unglaubliche Fülle an bisher unauffälligen Arten, die in Zukunft stärker auftreten könnten. In vielen Fällen wird das kein Problem sein, einige Arten werden aber, genauso wie es die Kanadische Goldrute (Solidago canadensis) und Co. bereits tun, die menschliche Gesundheit oder biologische Vielfalt gefährden.
Quellen:
[1] POWO (2026). Artemisia verlotiorum Lamotte. Plants of the World Online. Facilitated by the Royal Botanic Gardens, Kew. https://powo.science.kew.org/taxon/urn:lsid:ipni.org:names:180264-1
[2] Genaust, H. (2012). Etymologisches Wörterbuch der botanischen Pflanzennamen. 3. Auflage. Hamburg: Nikol Verlagsgesellschaft. S. 679.
[3] Griebl, N. (2020). Kosmos Naturführer – Neophyten. Alle Arten im deutschsprachigen Raum. Stuttgart: Franckh-Kosmos. S. 76.
[4] Hassler, M. & Muer, T. (2022). Flora Germanica: Alle Farn- und Blütenpflanzen Deutschlands in Text und Bild (Bd. 1–2). Ubstadt-Weiher: Verlag Regionalkultur. S. 1453–1454, 1516.
[5] Cristofori, A., Bucher, E., Rossi, M., Cristofolini, F., Kofler, V., Prosser, F. & Gottardini, E. (2020). The late flowering of invasive species contributes to the increase of Artemisia allergenic pollen in autumn: an analysis of 25 years of aerobiological data (1995–2019) in Trentino-Alto Adige (Northern Italy). Aerobiologia 36 (4): 669–682. DOI: 10.1007/s10453-020-09663-7.
[6] Nehring, S. & Rabitsch, W. (Hrsg.) (2025). Naturschutzfachliche Invasivitätsbewertungen und Gesamtartenliste der in Deutschland wild lebenden gebietsfremden Gefäßpflanzen. BfN-Schriften 731. Bonn: Bundesamt für Naturschutz. DOI: 10.19217/skr731. S. 151.
[7] Info Flora (2020). Artemisia verlotiorum Lamotte (Asteraceae). Factsheet. Bern: Info Flora. https://www.infoflora.ch/assets/content/documents/neophyten/inva_arte_ver_d.pdf. S. 3.
[8] Info Flora (2021). Liste der invasiven und potenziell invasiven Neophyten der Schweiz. Stand 20.12.2021, Fassung März 2024. Bern: Info Flora. S. 1.
[9] BAFU (Hrsg.) (2022). Gebietsfremde Arten in der Schweiz. Übersicht über die gebietsfremden Arten und ihre Auswirkungen. 1. aktualisierte Auflage. Umwelt-Wissen Nr. 2220. Bern: Bundesamt für Umwelt. https://www.bafu.admin.ch/uw-2220-d. S. 57.




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